[Aren Jago] Anderswo

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1 Jahr 2 Wochen her - 1 Jahr 2 Wochen her #5038 von dying_despot
[Aren Jago] Anderswo wurde erstellt von dying_despot
Leni,

die Schatten streben lang am Rand des Feuerscheins. Das Züngeln der Flammen lässt sie sich regen und bewegen, als glitten sie hinfort, um mich sogleich wieder zu umschwirren, zu umzingeln, in ihre bedrohliche Mitte zu nehmen. Aber es ist nur das Spiel, jenes des Feuers und jenes der Schatten, das mir in dieser einsamen Stunde die Schauer über den Rücken gleiten lässt. Ich sehe die Schatten, gleich schemenhaften Konturen jener, die mich einst kannten, die ich einst kannte, bevor ihre Zeit kam. Ich lege ein Scheit nach, denn es ist kühl. Es knistert, Funken stieben und die Schatten tanzen.

Das Feuer erscheint mir wie die Erinnerung und je mehr ich es nähre, desto mehr Macht bekommt die Dunkelheit, die ohne es nur Dunkelheit wäre, aber so Kontur gewinnt. Ich sehe diese alte Frau, die immer alt war, solange ich denken kann. Sie hatte ein gütiges Lächeln und traurige Augen. Sie freute sich, wenn sie mich sah, strich mir über das Haar und ich hasste es, aber konnte mich nicht abwenden. Aus furchtvollem Respekt heraus, womöglich. Und immer wollte sie mir durch’s Haar fahren mit ihrer schrumpeligen, alten Hand und lächelte mit ihren traurigen Augen.

Dann starb sie und es traf mich sehr, weil sie doch schon immer da gewesen war. Und ich war wütend, weil ich nicht verstehen wollte, warum sie auf einmal nicht mehr da war und ich fragte meine Eltern, warum sie immer so nett zu mir gewesen ist und wie schrecklich es war, dass sie immer wieder mein Haar berühren wollte. Meine Eltern erzählten, dass sie einst einen Sohn hatte. Er starb vor so vielen Jahren, dass es jenseits meiner Vorstellung lag. Erst viel später erfuhr ich, wie er den Tod fand und deswegen ist sie nun hier. Deswegen und weil ihr Sohn rotes Haar hatte.

Da sind noch andere. Die hübsche Frau mit den mandelförmigen Augen und dem kastanienbraunen Haar, die so frech war, die zu frech war. Der unheimliche Waldläufer, vor dem sich die Kinder, auch ich, versteckten, wenn er in die Stadt kam. Er saß dann am Brunnen, schnitze kleine Figuren. Das war so seine Art, bis er irgendwann nicht mehr kam. Später erst verstand ich. Ich sehe unsere Freunde. Ich sehe hundert Fremde. Was ist ihnen geschehen, was passiert?

Meine kleinen Quälgeister spüren die Furcht in mir. Sie machen sich einen Spaß daraus. Sie wissen, wie ich hier sitze und schreibe und Schmerz fühle und wispern, als hätten die Schatten Stimmen. Stimmen, die sagen, fürchte dich nicht. Stimmen, die sagen, ich sei nicht allein, aber was wissen sie vom Alleinsein? Die Schatten wissen es. Ihre Stimmen nicht. Sie wollen mich trösten, doch es gibt keinen Trost. Es gibt nur den Weg, den Weg zu einem unklaren Ziel, auf dem mich meine Quälgeister noch geleiten, aber bald werden auch sie mich verlassen. Und du bist fern und das ist gut, aber wie kann sich, was gut ist, so falsch anfühlen? Vielleicht weil ich mich sorge um dich. Mich sorge, auch dich dereinst in den Schatten zu sehen.

Drum wandle auf sicheren Pfaden und sollten dich jene zu den Unseren führen, leg ein paar Blumen nieder, aber lass dich nicht dabei sehen.

Aren
Letzte Änderung: 1 Jahr 2 Wochen her von dying_despot.

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1 Jahr 1 Tag her #5054 von dying_despot
Leni,

Ernten.

Das Ernten war das Schlimmste. Denn kurz danach würden sie kommen. Sie würden kommen und einfordern, was ihnen nicht gehörte, wofür sie keine Mühen in Kauf, keine Strapazen erdulden mussten. Sie konnten kommen, konnten nehmen, was ihnen nicht gehört, weil sie es konnten. Sich zu nehmen, was ihnen nicht zusteht.

Einen Scheffel mehr. Und wo wir dabei sind – noch einen Scheffel mehr.

Sie kamen aus dem Ort. Sie kamen aus demselben Ort und sie beschützten ihn vor Monstern, anderen als ihnen. Sie wurden protegiert von anderen Monstern, die ebenfalls gewohnt waren zu nehmen, was ihnen nicht zustand, die ganze Region, die sie wie weite Teile Faerûns als Geisel hielten. Weil sie es konnten und teils, weil man sie ließ.

Und wo wir dabei sind – noch ein weiterer Scheffel.

Trotzig blickte Vater auf. Und ich fürchtete mich und dachte: Vater, schau nicht so trotzig. Sie stechen dich nieder. Sie verbrennen alles. Weil sie es können und weil sie das, was sie nicht nehmen konnten, lieber zerstörten. Ich sah die Furcht in den Augen meiner Mutter und ihr zornvolles Beben und ich dachte: Mutter, zeige keine Furcht, werde nicht zornig. Sie werden es sehen. Sie stechen ihn nieder. Sie verbrennen alles. Weil sie es können, weil Furcht ihr Antrieb ist und Zorn ihre Lust auf Zerstörung entfacht.

Das Ernten war das Schlimmste. Und weil das Ernten das Schlimmste war, wollte ich, dass sie ernten würden. Dass sie dereinst ernten müssten und ich es wäre, der sagte: und wo wir dabei sind – noch ein Scheffel mehr.

Aren

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4 Monate 2 Wochen her #5633 von dying_despot
Woher er die Kraft nahm, wäre ihm wohl auch selbst vollkommen unklar gewesen, hätte er sich denn damit aufgehalten, das zu ergründen. Aber er hatte schon vor ein paar Zehntagen aufgehört zu hinterfragen. Er dachte nicht einmal sonderlich viel nach, sondern hatte allein seinem Handeln das Primat im Geschehen eingeräumt. Am Anfang hatte er sich noch oft den Kopf zerbrochen, sich dann die besten Strategien überlegt, hatte sich dann rein auf’s Taktieren im jeweiligen Augenblick fokussiert, genau einen Ausgang anstrebend: zu töten. Und man konnte sagen: er hatte darin eine gewisse Kompetenz erlangt.

Natürlich… Untote hatte er mittlerweile zuhauf ihres todlosen Daseins beraubt. Auch in der Dämonenvernichtung hatte er eine gewisse Expertise erlangt. Und ja: auch Menschen hatte er getötet. Nicht nur Wegelagerer, die ihm irgendwo aufgelauert hatten, sondern auch Soldaten und sogar (vermeintliche) Zivilisten. Aber was er nun in den Wäldern zwischen Elfenbaum und Fernberg tat, hatte eine andere Dimension… quantitativ und qualitativ. Er war zu einem skrupellosen, ja beinahe gefühllosen Jäger geworden und sein primäres Ziel waren die Rotfedern Fernbergs. Kleine Patrouillen hauptsächlich oder überschaubare Lager. Als Einzelner konnte er wohl schlecht die Hauptlager der Armee angreifen. Er hatte sich darauf verlegt, viele kleine, aber schmerzhafte Nadelstiche zu versetzen.

Er schlug zu, unsichtbar, hinterließ – Dank der Gabe, die ihm zuteil geworden war – keine Spuren außer Leichen, denen man kaum ansah, was sie letztlich vernichtet hatte. Mal waren es Schwerthiebe, mal Pfeile, mal schienen sie durch schwere Hiebe getroffen, durch Säure vernichtet oder ausgezehrt durch seltsame Energien. Wer auch immer die Leichen fand (nicht alle waren wirklich zu finden), mochte womöglich annehmen, dass es eine ganze Gruppe von Personen war, die den Fernbergern hier zusetzte. Aren hatte sein Gewissen ausgeschaltet. Womöglich hätte er es sonst selbst nicht ertragen, was er da tat. Wie viel Tod er brachte, wie viele Familien durch seine Hand Angehörige verloren. Aren war nie kaltblütig gewesen, aber das Geschehen rund um Elfenbaum hatte das geändert. Der Feind war entmenschlicht. Und Aren… Aren vielleicht auch.

Selbstverständlich galt sein Handeln nicht allein den Fernbergern. Er hatte sich auch verstärkt den Untoten angenommen, ein durchaus vertrauter Feind, dessen Unnatürlichkeit Aren effektvoll mit der Macht der Natur begegnete, die – magiephilosophisch betrachtet – zwar auch in gewisser Weise unnatürlichen Ursprungs war, aber Philosophie war etwas für jene, die Zeit dafür hatten. Und die hatte Aren nicht. Aren hatte weder Zeit noch Nerven.

Er war mittlerweile kaum mehr zurechnungsfähig. Natürlich aß er ab und an und trank auch, nahm sich dafür aber nicht wirklich viel Zeit, sondern beließ es in einem Rahmen, der es gerade so zuließ, sich auf zwei Beinen zu halten. Dasselbe galt für Schlaf. Langsam aber sicher kam Aren ans Ende seiner Kräfte, körperlich und mental. Gerade die Kämpfe gegen die Dämonen waren zermürbend. Aren kannte das schon aus Evereska. Es war ein Katz- und Mausspiel. Sie konnten jederzeit aus dem Nichts zuschlagen. Hier half nur Geschwindigkeit, die Nutzung des teils unübersichtlichen Terrains, vor allem aber Nervenstärke, woran es ihm zusehends mangelte.

Aber vielleicht half es einfach, mal eine Nacht durchzuschlafen... ein paar Stunden. Dann konnte es weitergehen. Weiter mit dem Töten.

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