(Originalposting vom 14.08.2023)
Schon am ersten Tag ihrer Ankunft hatte Agatha von Lyn erfahren, dass ein- bis zweimal im Zehntag Magier des Turms in das Waisenhaus kommen um dort die Kinder mit Illusionen zu erfreuen. Dem schloss sie sich nun an, auch wenn das für das stotternde, ständig nervös wirkende Mädchen am Anfang etwas schwierig zu sein schien. Sobald sie die Aufmerksamkeit einiger Kinder erlangt haben mochte, stellte sie sich vor.
"H-hallo ich bin die Uldenschlund, äh, a-also die Agatha, i-ich bin eine von den Magierinnen d-die im Turm wohnen. D-dort sind alle ganz lieb u-und nett zu mir u-und ich bin auch g-ganz lieb und nett. W-wir sind liebe und nette Magier, j-jawohl. U-und jetzt zeige ich euch ein paar Kartentricks!"
Mit einer Mischung aus Fingerfertigkeit, Geschick, Übung und natürlich nicht zuletzt auch 'echter' Magie versuchte Agatha dann, etwas zur Unterhaltung beizutragen. Dabei waren viele ihrer Vorführungen nicht einmal was, was man von einem Magiewirker, sondern eher von einem Jahrmarktstrickser erwarten würde. Völlig unmagisch ließ sie etwa Karten verschwinden und wieder auftauchen, erriet welche Karten Freiwillige unter den Kindern sich ausgesucht hatten, mischte sie Karten scheinbar willkürlich um sie auf einmal sortiert erscheinen zu lassen, schienen Karten plötzlich zu einer anderen Farbe zu gehören als zuvor. Mit Hilfe echter Magie und diversen Zaubertricks, Illusionen und Trugbildern ließ sie die Karten dann zum Schein zum Leben erwachen - mit dem scheinbaren eigenen Willen beschwerten sich die zum Leben erweckten Karten dann zunächst bei Agatha darüber, dass sie sich ruhig vorher die Hände ordentlich hätte waschen können, bevor sie sie überall antatscht. Dann wurden sie aber wieder friedlich und begannen einen Tanz aufzuführen, zu dem Agatha eher schlecht als Recht sang, so dass die Karten sich erneut beschwerten, worauf Agatha seufzend einknickte und die Kinder bat, doch das Klatschen und Singen für den Kartentanz zu übernehmen.
Während dieser ganzen Aufführung war es dann tatsächlich so, dass Agatha von der Begrüßung abgesehen kein einziges Mal stotterte, sondern recht flüssig sprach und auch nicht nervös wirkte. Vielleicht lag es daran, dass Kinder ihr nicht soviel Unbehagen bereiteten wie Erwachsene. Vielleicht war sie auch einfach auf die Vorführung vertieft. Oder aber es lag daran, dass sie die ganze Darbietung in den Tagen zuvor unzählige Male vor dem Spiegel geübt hatte und obwohl das Schauspiel improvisiert wirken sollte, war es das ganz und gar nicht, sondern vielmehr fast neurotisch sorgsam einstudiert. Wie gut es ankam, konnten natürlich nur die Kinder selber später beurteilen.
Agatha wäre aber natürlich nicht Agatha, wenn sie selbst von der Wirkung ihres Auftritt überzeugt gewesen wäre und so 'bestach' sie die Kinder am Ende noch mit Gebäck und Süßigkeiten.
"A-also, w-wenn eine wunderschöne halbelfische Magierin namens Lyn f-fragt, wie es war, d-dann sagt ihr doch, d-dass es ganz toll war. W-wobei, v-vielleicht nicht ganz toll, das wirkt übertrieben, d-das merkt sie bestimmt. Ä-äh, s-sagt ihr, dass es... ni-icht ganz schlecht war. W-wobei vielleicht.. äh... k-könnt ihr vielleicht in eigenen Worten was positives sagen, w-wenn sie fragt? Das w-wäre echt lieb! A-also natürlich n-nur, wenn es wirklich positiv war, i-ihr sollt ja auch nicht lügen."
Dann verabschiedete sich Agatha wieder und meinte, dass sie wiederkommen würde, aber natürlich auch niemand zuschauen muss, wenn er nicht will, Süßkram gäbe es dann trotzdem wieder!
"Ich will dir die Wahrheit sagen. Ihr Menschen habt gar keine Angst vor dem Teufel. Ihr hofft und wollt, dass es ihn gibt. Denn gäbe es ihn nicht, dann... wäret ihr ganz alleine selbst für all das hier verantwortlich? Kriege, Morde, Vergewaltigungen. Das wäret dann alles ihr selbst, nicht wahr? Ihr wollt einen Bösewicht, weil dann alles ganz einfach ist. Töte den Bösewicht, vernichte das Böse. Wäre es nicht schön, wenn es einen Meisterplan gäbe? Wenn alles Schlechte auf der Welt irgendeinem Algorithmus folgt, wenn es Teil eines Puzzles wäre, das man lösen könnte? Doch was, wenn das gar nicht der Fall ist? Was, wenn viele Menschen nur das tun, was für sie gerade besser ist, ohne auf die Konsequenzen zu achten? Was, wenn viele Menschen die unter dem Egoismus anderer leiden, irgendwann irgendein Ventil suchen, Fanatismus, Rassismus, Amoklauf? Was, wenn viele Menschen überzeugt sind, das Richtige zu tun und alle, die etwas anderes tun, als Diener des Bösen brandmarken? Dann hätten wir einen kollektiven Wahnsinn, ein Karussell der Gewalt, das sich unaufhörlich dreht und völlig willkürlich alles zerfetzt, nicht wahr? Ihr braucht keinen Teufel. Ihr seid euer eigener."
(Originalposting vom 20.08.2023)
Schon als Agatha sich als "eine der Magierinnen, die im Turm wohnen" vorstellte, sah sie förmlich leuchtende Kinderaugen vor sich, in denen sich prompt Aufregung breit machte. Es daiuerte auch nicht lang, da war die überwiegende Mehrheit der Kinder um die Halbelfe versammelt, natürlich in Begleitung von wenigstens einem Erwachsenen, und warteten erstaunlich geduldig darauf, dass Agathas Vorführung begann.
Während dieser bekam sie einerseits viele "Ooohhs" und "Ahhhs" .... aber natürlich auch mindestens ein Kind, das meint, dass es billige Tricks wären und dass sowas ja doch ohnehin jedes Baby könnte. Es folgten zahlreiche Lacher, ein Mädchen fing an zu weinen, als die Karten so unhöflich Agatha gegenüber wurden und fiel den ollen Pappdingern mit einem Aufstampfen ins Wort. Von "Ihr seid bestimmt noch nie so sauber gewesen, wie die Hände der tollen Magierin!" bis hin zu "Ihr könnt ja froh sein, dass sie euch überhaupt berührt!" war wohl so ziemlich alles dabei. Als es dann ans Singen und Klatschen ging, übernahmen die Kinder natürlich gern den Part - der zwar recht wirr und etwas taktlos bis schrecklich klang - aber sie hatten sichtlich Freude daran.
Die Bestechung wurde überaus glücklich angenommen, wenngleich diese gar nicht nötig gewesen wäre. Ein paar der Kinder sahen Agatha bei ihren Worten etwas irritiert und verständnislos an.
"Lyn ist oft hier und bringt manchmal Besuch mit! Aber warum sagst Du uns, was wir ihr sagen sollen? Das war alles klasse und das wird jeder erfahren! Es ist soooo toll wenn sich Magier Zeit für uns nehmen."
Natürlich wäre es falsch zu sagen, dass alle Kinder erfreut waren, doch die klare Mehrheit war schlichtweg begeistert und bedankte sich ausschweifend und ausgiebig bei Agatha für ihre Zeit und auch ihre Gesellschaft. So wurde sie nicht zuletzt auch zum Spielen eingeladen. Auf ein nächstes Mal freute man sich schon sehr - ob mit oder ohne Süßkram, auch wenn der natürlich gern angenommen wird und für manch einen vielleicht auch der einzige Grund waren, warum man ein nächstes Mal kaum erwarten konnte.
Und beim nächsten Mal, sollte Agatha schließlich auch eine kleine Überraschung bekommen. So hatten die Kinder ein paar einfache Bilder gemalt, mal von Agatha, die von gemein dreinschauenden Karten umringt wird und einem kleinen Mädchen "Meine Heldin" zuruft, das mit einem bunt sprühenden Stecken vor den Karten steht. Dann wieder einfach nur Agatha, die vor den Kindern zaubert. Oder auch einfach die höchstberühmte und vielgeliebte Zeichnung von kleinen und einem großen Strichmännchen, das eindeutig Agatha zeigen soll, die einander an den Händen halten. Die Bilder sind keine großartigen Kunstwerke, aber mit kindlicher Einfachheit und haufenweise liebevoller Striche in allen möglichen Farben gemalt. Mal tatsächlich mit Stiften, dann wieder mit Fingerfarben.
In jedem Fall durfte Agatha sich sicher sein, dass sie den Kindern Freude brachte. Manchmal würde sie einfach nach kleinen Geschichten gefragt, wobei natürlich von erwachsener Seite aus darauf geachtet wurde, dass sie auch kindergerecht war, obgleich die Nachfrage der Kinder zumeist um Drachen und Helden ging und man Agatha dafür im Zweifel auch ein Buch aushändigen würde, wenn sie lieber einfach vorlesen würde.