((Bezugnehmend auf die Gerüchteküche))
Schon als die ersten Berichte über einen möglichen Mord die Runde machten, war Lyn nur mäßig begeistert. Aber es gibt und gab in Lisfar ja bekanntlich ohnehin nichts, das es noch nicht gab, ob das nun vom Himmel regnende Köpfe waren oder Schatten, die sich in der Nachbarschaft herumtrieben. Allerdings machte sie sich zunächst auch keine größeren Gedanken darum.
Als jedoch die Garde auch einige Zeit später nichts herausfinden konnte und wildeste Gerüchte über Vampire und Vetteln ihren Kreis zogen, wurde sie aufmerksamer. Als stadtbekanntes Gesicht, das sie nun mal ist, würde sie auf ihren täglichen Botengängen durch den Hafen auch einfach hier und da fragen, was es damit auf sich hätte, wer das mit der Vettel behaupten würde und eben zusehen, ob sie die Quelle verschiedener Gerüchte ausmachen konnte. Schließlich war es noch nicht all zu lange her, als selbst ein Gardist sich an wildesten Gerüchten beteiligte, ohne überhaupt zu wissen, von wem er überhaupt sprach.
Wenn man ja ohnehin Botengänge macht, kommt man auch durch die Stadt. Also wurde auch bei der Garde geradeheraus nachgefragt, was es damit auf sich hätte. Irgendwer hat den Leichnahm ja schließlich gesehen und wird sagen können, ob er Bissspuren am Hals hatte oder irgendwelche anderen ungewöhnlichen Kennzeichnungen. Als Hohe Magistra und Lieblingsbotin Lisfars, sollte man da doch vielleicht mehr rausfinden können, als der übermütige Abenteurer.
Wichtig war natürlich auch: Wurde Ethel bereits von der Garde aufgegriffen oder konnte man diese noch persönlich irgendwo antreffen?
Der ermittelnde Gardist der Miliz, ein junger Mann aus gutem Hause, der auf den wohlklingenden Namen Otto Winterfell hört, wirkt tatsächlich ein wenig überfordert mit der gesamten Sachlage. Er wirkte sogar erleichtert, als die bekannte Magistra des Turmes ihn aufsuchte und Interesse an dem schwierigen Fall zeigte, führte sie sogleich sogar gerne selbst in eine Kammer, in der innerhalb des Wachgebäudes der Leichnam untergebracht wurde - und jener sah tatsächlich sehr seltsam aus.
Die Leiche hatte die Gestalt eines jungen, vermutlich zuvor sogar hübschen Mannes. Doch nun war sein Gesicht eingefallen und verschrumpelt, fast wie einer der von Lyn als 'Trockenpflaumen' bezeichneten Untoten aus den Sümpfen. Es wirkte, als wäre die Haut und das Fleisch des Opfers binnen weniger Minuten um Jahrzehnte gealtert und als wäre ihm alles Wasser aus dem Körper gezogen worden. Daher wirkte die Leiche auch so seltsam - die Statur noch die eines jungen Mannes, doch Haut und Fleisch unnatürlich ausgezehrt. Eine Muskulatur noch vorhanden, aber seltsam verhärtet und vertrocknet. Wer auch immer ihm das angetan hat, muss es mit irgendeiner Art Magie oder einer unnatürlichen oder übernatürlichen Fähigkeit getan haben, ein Vampir allerdings scheidet aus - Vampire trinken ja 'nur' das Blut. Aber aus dieser Person wurde alle Flüssigkeit gezogen. Ebenso fehlen Verletzungen oder Bisswunden. Es wirkt sogar fast so als habe das Opfer noch im Tod gelächelt, bevor seine Lippen vertrocknet sind und für die Ewigkeit erstarrten.
Der junge Gardist Otto meint: "Vermutlich war es ein Vampir oder eine Vettel! Ja, ich vermute auch, dass es diese Ethel war. Wahrscheinlich ist sie eine Vettel, meine Mutter hat mich immer vor solchen Kreaturen gewarnt. Ich habe mich auch schon umgehört. Diese Ethel hat letzten Herbst über den Bauern Ferdinand geschimpft, weil dieser seine Frau schlagen soll und noch im selben Herbst fiel die Ernte des Bauern sehr schlecht aus - er hat schon damals gemeint, dass wahrscheinlich die Ethel einen Fluch auf seine Felder gelegt habe! Und der Hafenarbeiter Tobriand, den seine Gicht plagte, den hat sie mit einem Sud geheilt, ohne dabei göttliche Magie zu wirken, ein Sud aus Kräutern. Wahrscheinlich steht sie mit einem Teufel im Bunde und wer weiß, was in dem Sud war. Die alte Witwe Maierhoff sagte auch schon, dass Ethel bestimmt mit dem Teufel im Bunde sein, immerhin habe sie den verstorbenen Mann der Witwe vor zwanzig Jahren verführt und das war gewiss nur durch teuflische Magie möglich. Aber man kann dieser Ethel nichts nachweisen. Vielleicht wäre es besser, wenn der Mob sie einfach hängt. Allerdings wäre es mir natürlich lieber, sie einfach eines Verbrechens zu überführen."
Ja, der junge Mann wirkt wirklich etwas überfordert. Dass jene Ethel abgesehen von dem was man ihr nachsagt, wirklich über magische Kräfte verfügt, ist eher unwahrscheinlich. Die eigenbrötlerische alte Dame wohnt in einem Häuschen außerhalb der Stadtmauern und lässt sich dort leicht finden.
"Ich will dir die Wahrheit sagen. Ihr Menschen habt gar keine Angst vor dem Teufel. Ihr hofft und wollt, dass es ihn gibt. Denn gäbe es ihn nicht, dann... wäret ihr ganz alleine selbst für all das hier verantwortlich? Kriege, Morde, Vergewaltigungen. Das wäret dann alles ihr selbst, nicht wahr? Ihr wollt einen Bösewicht, weil dann alles ganz einfach ist. Töte den Bösewicht, vernichte das Böse. Wäre es nicht schön, wenn es einen Meisterplan gäbe? Wenn alles Schlechte auf der Welt irgendeinem Algorithmus folgt, wenn es Teil eines Puzzles wäre, das man lösen könnte? Doch was, wenn das gar nicht der Fall ist? Was, wenn viele Menschen nur das tun, was für sie gerade besser ist, ohne auf die Konsequenzen zu achten? Was, wenn viele Menschen die unter dem Egoismus anderer leiden, irgendwann irgendein Ventil suchen, Fanatismus, Rassismus, Amoklauf? Was, wenn viele Menschen überzeugt sind, das Richtige zu tun und alle, die etwas anderes tun, als Diener des Bösen brandmarken? Dann hätten wir einen kollektiven Wahnsinn, ein Karussell der Gewalt, das sich unaufhörlich dreht und völlig willkürlich alles zerfetzt, nicht wahr? Ihr braucht keinen Teufel. Ihr seid euer eigener."
Ein wenig tadelnd würde die Halbelfe den jungen Mann durchaus zurechtweisen. Weniger auf Vorurteile und Gehörtes geben und sich mehr nach dem richten, was man wirklich weiß und auch beweisen kann. Immerhin "könnte" es ja auch ein hungriger Schatten sein, der in den Hafenecken lauert oder ein Fubbelglubb, welcher nur in Vollmondnächten als hübsche junge Frau auftaucht und sich junges Gemüse zum Verschleppen sucht. Ja, das sagte sie ihm so und das auch ziemlich trocken. Begleitet von einem gutgemeinten "Gebt nicht so viel auf das, was die Leute sagen. Überzeugt Euch selbst und formt Euer eigenes Bild. Es gibt übrigens keine Fubbelglubbs, die hab' ich gerade erfunden und wäre es ein Schatten gewesen, würde die Leiche auf andere Weise unschön aussehen."
In jedem Fall machte Lyn sich ein paar Notizen dazu, sah nochmal genauer nach, ob irgendwelche Symbole oder dergleichen zu finden wären. Zu einem späteren Zeitpunkt würde man gewiss nochmal wiederkehren und den Leichnam auf Magie untersuchen, obgleich die Halbelfe es für unwarscheinlich hielt, dass sich etwas finden ließe. Doch irgendwo flogen sicher noch ein paar Rollen rum, die schon Staub angesetzt hatten.
Nachdem dann auch Renard davon berichtet wurde, was man erfahren hatte, würde man gemeinsam den Weg zu Ethel antreten. Und warum nicht mit ein paar Honigkuchengoblins und Nusskeksen im Gepäck?
Tot und Leben gehörte zum Mensch sein dazu. Das war rein natürlich. Daran nahm Easifa wenig Anteil, jedoch mischte sich im Hafen wohl durch die neusten Gerüchte ein neuer Geruch: modernde Nekromantie, Dämonen und Teufelsanbetung.
Und ein Opfer war wohl ein Seefahrer. Jene die für die Anbetung der Umberlee empfänglich waren.
Dementsprechend hatte Easifa gleich zwei Gründe in der Sache tätig zu werden.
Sie befragte die älteren Gläubige der Umberlee-Gemeinde - eingesessene Einwohner Lisfars oder schon Ylraphon -, ob solche Morde bereits schon mal geschehen waren. Auch in einer ihrer Predigten thematisierte sie die Gerüchte:
"Umtriebe wie sie in Lisfar stattfinden. Ein Seefahrer, der mit dem Segen der Umberlee die gefährliche Reise über das Meer überlebte, und hier in Lisfar Ruhe und neue Kraft finden wollte, wurde auf unnatürlichste Weise getötet. Seine Lebenskraft ist geraubt, seine Körperkraft verrottet, so heißt es. Während er in unserer Stadt Gast war.
Dies geht uns alle an. Solche Morde schaden Lisfar auf vielfacher Weise. Insbesondere wenn sich die Gerüchte von Anbetung von Dämonen und Teufel als wahr herausstellen. Wisset: In Lisfar ist so etwas zu recht verboten, den jeder der die Götter verschmäht, verschmäht auch Umberlee und dies erweckt ihren Zorn. Und ihr Zorn trifft uns alle! Daher hört euch um und meldet jene, die Verdächtig sind mir."
Nachdem das Abenteuer in Erlenwald beendet war und alle Teilnehmer wohlbehalten zurückgekommen sind, konnte den Dingen vor Ort weiter nachgegangen werden. Auch Easifa wurde darauf hingewiesen, dass es vermutlich die alte Vettel war, die Ethel. Immerhin reimt sich Ethel schon auf Vettel und gewiss steckt sie dahinter. Es gibt auch einige alte Geschichten über eine böse Vettel, die auch Ethel heißt. Außerdem ist Ethel eine seltsame Person. Sie redet nicht gerne mit Leuten. Sie kennt sich mit seltenen Kräutern aus. Gut, dass trifft auf Rätin Morgentau auch zu, aber Rätin Morgentau ist immerhin zumindest umgänglich, was man von Ethel nicht behaupten kann. Diese alte Einsiedlerin ist doch höchst verdächtig. Ob sich wohl Easifa und Kor'lyn gemeinsam bei jener alten Dame einfinden mögen, mit Honigkuchengoblins, Nusskeksen und Umberlees Segen?
((ein kurzes RP-Treffen von etwa einer Stunde, wann immer ihr mögt 🙂 ))
"Ich will dir die Wahrheit sagen. Ihr Menschen habt gar keine Angst vor dem Teufel. Ihr hofft und wollt, dass es ihn gibt. Denn gäbe es ihn nicht, dann... wäret ihr ganz alleine selbst für all das hier verantwortlich? Kriege, Morde, Vergewaltigungen. Das wäret dann alles ihr selbst, nicht wahr? Ihr wollt einen Bösewicht, weil dann alles ganz einfach ist. Töte den Bösewicht, vernichte das Böse. Wäre es nicht schön, wenn es einen Meisterplan gäbe? Wenn alles Schlechte auf der Welt irgendeinem Algorithmus folgt, wenn es Teil eines Puzzles wäre, das man lösen könnte? Doch was, wenn das gar nicht der Fall ist? Was, wenn viele Menschen nur das tun, was für sie gerade besser ist, ohne auf die Konsequenzen zu achten? Was, wenn viele Menschen die unter dem Egoismus anderer leiden, irgendwann irgendein Ventil suchen, Fanatismus, Rassismus, Amoklauf? Was, wenn viele Menschen überzeugt sind, das Richtige zu tun und alle, die etwas anderes tun, als Diener des Bösen brandmarken? Dann hätten wir einen kollektiven Wahnsinn, ein Karussell der Gewalt, das sich unaufhörlich dreht und völlig willkürlich alles zerfetzt, nicht wahr? Ihr braucht keinen Teufel. Ihr seid euer eigener."
So man sich über den Weg lief, würde Lyn gewiss nichts dagegen haben, gemeinsam mit Easifa und Renard der netten Dame einen Besuch abzustatten.
Ob sie nun gesprächig sein würde oder nicht, würde man herausfinden und womöglich machte ein selbstgebackener Honigkuchengoblin ja alles ein wenig besser!
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